Lieblingsorte

Wie viele Hamburger erfreue ich mich der Qual eines tagtäglichen Fernwehs!

Auf der letzten Seite zum Abschied noch etwas Untypisches für mich, eine kitschige Liebesgeschichte, die in einem der Lieblingsorte spielt, in der Nacht, bevor ich am Morgen meinen Sohn zum ersten Mal traf:

Die Nacht davor

Am frühen Nachmittag machte ich mich auf den Weg, um den Wiedervereinigungspalast, den früheren Präsidentenpalast, zu besichtigen. Die Zeiten ändern sich. Für das Selbstverständnis der jungen Leute, die heutzutage das Bild Saigons prägen, spielt die Erinnerung an den Krieg kaum noch eine Rolle. Begierig werden Einflüsse aus dem Ausland aufgesogen, am liebsten von Amerikanern, den ehemaligen Gegnern. überall schießen riesige Hoteltürme aus dem Boden, nur ein paar Schritte von ihnen entfernt hausen Menschen in Wellblechhütten, ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität. Das moderne, im Zentrum gelegene New World Hotel erlangte internationale Bekanntheit als Schauplatz des James Bond-Films »Der Morgen stirbt nie«, andere Türme erweisen sich als Objekte von gigantischen Fehlspekulationen und stehen leer, oftmals nur halb vollendet. Besonders gern schmücken sich die Jugendlichen mit Luxusartikeln von westlichen Markenfirmen. Aber die verheerenden Spuren des Kriegs, die Missbildungen und Behinderungen vieler Menschen als Folge des Einsatzes von Napalm und Agent Orange, sind noch überall sichtbar. Eine ausreichende medizinische Versorgung fehlt bis heute. Im Gewühle der Geschäftigen in den Straßen oder abends vor den glamourösen Bars und Diskotheken betteln die Opfer, viele davon die Kinder und Kindeskinder der Kriegsgeneration.

Ein riesiges Werbeschild der »Deutschen Bank«, neben dem Eingang verdeckte den Blick auf den Palast. Dann sah ich das breite repräsentative Bauwerk, und die Erinnerung an die historischen Ereignisse war wieder da. Mit gemischten Gefühlen ging ich durch das berühmte schmiedeeiserne Tor, welches der Panzer des Vietcong am Ende des Vietnamkriegs niedergerissen hatte. Eine Kopie des historischen Geräts mit einem langen, auf den Palast gerichteten Kanonenrohr stand an der Seite der Auffahrt. Der Vietcong verstieß mit der Einnahme des Südens gegen das Pariser Abkommen. Die Marionettenregime, die durch die Amerikaner unterstützt und im Sattel gehalten worden waren, hatten sich über die Jahre als unfähig erwiesen, das Land zu regieren.

Ich kaufte ein Ticket und begann das von den Franzosen erbaute Gebäude zu besichtigen. Zunächst studierte ich die Repräsenationssäle mit ihren schweren samtigen Vorhängen, Kulissen für koloniale, korrupte und kommunistische Regierungen. Im zweiten Stock befand sich der pompöse Empfangssaal des Präsidenten, der Raum des Drachenkopfes. Der Stuhl am Schreibtisch des Präsidenten war mit furchterregenden Drachenköpfen verziert. Ein Amerikaner ließ sich auf dem Stuhl für einen Dollar fotografieren. Typischer Eroberungsgestus! Er gehörte zu einer Touristengruppe, die einer vietnamesischen Führerin folgte. Die Gruppe schien aus älteren, wahrscheinlich Rentnerehepaaren zu bestehen. Die Männer trugen kurze Hosen, der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Auf ihren Bäuchen hingen schwere Fotoapparate. Die Frauen waren mit hellen verschwitzten Blusen über weiten Röcken bekleidet. Ihre Frisuren hatten schon längst jegliche Fasson verloren, strähnig fielen die grauen Haare herab. Kein allzu appetitanregender Anblick.

Gerade erzählte eine adrette, sorgfältig gekleidete Führerin die bekannte Geschichte von der Übergabe des Palasts: »Im Empfangssaal wartete Staatschef General Minh, seit dreiundvierzig Stunden im Amt. Als ein Offizier des Vietcong den Saal betrat, soll ihn Minh angeherrscht haben: »Ich warte hier seit dem frühen Morgen, um Ihnen die Macht zu übergeben.« Darauf erwiderte der Offizier gelassen: »Es geht nicht darum, die Macht zu übergeben. Sie können nicht etwas übergeben, was Sie gar nicht besitzen.« Die Amerikaner lauschten den Ausführungen und wischten sich mit riesigen Taschentüchern den Schweiß von der Stirn.

Welche Gefühlsreaktionen löste die Konfrontation mit dem Ende des Vietnamkriegs bei ihnen aus? Zeichen besonderer emotionaler Bewegung konnte ich nicht feststellen. Was hatte sie in den Palast geführt? Absolvierten sie das landesübliche Programm für Touristen? Sahen sie sich die Orte der Ereignisse an, die sie aus dem Fernsehen kannten? Ohne innere Anteilnahme? Inzwischen gibt es einen US-Tourismus nach My Lai, angeblich zur Versöhnung der ehemals verfeindeten Völker, mit medienwirksamen Showeffekten und viel Spektakel. Oder waren es Veteranen, die es sich gesundheitlich und finanziell leisten konnten, ihren Frauen das Land zu zeigen, zu dessen Zerstörung sie einst beigetragen hatten? Ich hoffte jedenfalls, dass sie Scham oder verzweifelte Wünsche empfanden, etwas wieder gutzumachen. Vielleicht fühlten sie aber auch Schmach über die Niederlage, über das traumatische Ende des Mythos’ vom unbesiegbaren Amerika? Eine Weile beobachtete ich die Gruppe, konnte aber keine Indizien für die eine oder andere Haltung erkennen. Bei meinen kreisförmigen Streunereien durch die großen Räume stieß ich immer wieder mit ihnen zusammen. Gelegentlich lauschte ich den Erläuterungen der Vietnamesin und ergänzte meinen Reiseführer mit neuen Informationen. Stets achtete ich auf Abstand, damit niemand auf den Gedanken käme, ich gehörte zu diesen Touristen.

Schließlich benötigte auch ich, die Unermüdliche, eine Pause, und suchte nach einer Sitzgelegenheit auf der Dachterrasse. Die Reisegruppe versammelte sich vor den Getränkeautomaten. Auf keinen Fall wollte ich mich dazu stellen, deshalb ließ ich mich etwas abseits nieder. Einer aus der Reisegruppe fragte, ob ich eine Cola trinken möchte. Warum nicht? Ich war ziemlich durstig. Er ging und kam zurück mit zwei Cola-Dosen. Ob er sich zu mir setzen dürfte? »You are welcome.« Auch die übrigen Mitglieder der Reisegruppe verteilten sich über die Dachterrasse und schlürften Erfrischungen. Es begann ein behutsames Gespräch über die Ereignisse des 30. April 1975, jenem Tag, an dem die Republik Südvietnams zu existieren aufhörte. Welche Mentalitäten und Qualifikationen besaßen die Diktatoren aus dem Norden nach der Machtübernahme? Der Krieg war ihr Lehrmeister gewesen. Etwas anderes kannten sie nicht. Unbarmherzig nahmen sie Rache, ließen den Süden für seine Vergangenheit büßen, versöhnten nicht.

Dann sprachen wir über die Fehler der Amerikaner. Keiner von uns beiden wusste, ob der andere eine engagierte Position in dieser heiklen Frage vertrat, pro- oder antiamerikanisch. Schritt für Schritt tasteten wir uns vor. Der Faden des Gesprächs riss nicht ab. Ich kritisierte zaghaft die Domino-Theorie, der die amerikanische Politik damals folgte. Nach einigem Hin und Her meinte er, die Amerikaner hätten sich nicht in den Unabhängigkeitskrieg der Vietnamesen gegen ihre Kolonialmacht einmischen dürfen. Was hätten sie tun sollen? Zwischen den Parteien vermitteln. Warum unterstützten die Amerikaner, nahezu bedingungslos, die korrupten Regime, die die Bevölkerung auspressten? Die demokratischen Kräfte vor Ort wurden dadurch geschwächt. Er erzählte mir vom Selbstmord südvietnamesischer Offiziere aus Protest gegen ihre Regierung. Kambodscha stürzten die Amerikaner in ein völliges Chaos und brachten die Monarchie dort zu Fall. Schließlich gingen wir dazu über, Prognosen über die wirtschaftliche Zukunft Vietnams und über die Politik der ökonomischen Öffnung zu erörtern.

Die Ölvorkommen sicherten Vietnam eine blühende Zukunft. In zwanzig Jahren würde Vietnam ökonomisch mit den Tigerstaaten gleichziehen. Wird es auch politische Reformen geben? Die anderen Mitglieder der Reisegruppe brachen auf, winkten und verschwanden nach unten. Hatte ich mich getäuscht, gehörte mein Gesprächspartner gar nicht zu ihnen? Unterdessen gelangten wir zur Beurteilung der besonderen Problematik wiedervereinigter Länder und zogen den Faden des Gesprächs bis nach Deutschland. Er war mit den Wirtschaftsdaten ziemlich vertraut, und ich freute mich, dass aus der Ferne, vom Dach dieses vietnamesischen Palastes, mit soviel Respekt und Anerkennung über mein Heimatland gesprochen wurde.

Zu gern hätte ich gewusst, warum er sich für das alles interessierte. Mein Gegenüber behandelte mich jedoch derart höflich, dass ich mir nicht gestattete zu fragen. Außerdem wollte ich auf keinen Fall preisgeben, warum ich mich in Saigon aufhielt, wie sehr sich hier schon morgen mein Leben ändern würde. Ich fragte ihn nicht, und er fragte mich nicht. Mittlerweile hielt ich ihn für einen Engländer. Stunden vergingen. Ein Wärter signalisierte uns, der Palast würde geschlossen. Da gestand er, dass er mich während der Führung beobachtet hatte, wie ich auftauchte und immer wieder verschwand. Schließlich hatte er den Wunsch verspürt, mich festzuhalten. So etwas sei gänzlich unmöglich, lachte ich. Wir verließen die Dachterrasse und begaben uns zum Ausgang. Ob er mich zum Hotel bringen solle? Danke, aber ich nehme ein Taxi. Ob er mich heute Abend zum Essen einladen dürfe? Ich hatte noch nichts geplant. Warum also nicht? Er holte mir ein Taxi und versprach gegen zwanzig Uhr in mein Hotel zu kommen. Dem Taxifahrer gab er genaue Anweisung en, wie er mich zu bringen hatte, dann schloss er die Tür des Fahrzeugs.

Als er mich am Abend abholte, erkannte ich ihn kaum wieder. Ich staunte. Er sah toll aus. In einem dunkelblauen satinierten Anzug. Das Jackett mit langen, lässigen Revers. Unwahrscheinlich attraktiv. Zum ersten Mal fielen mir seine stahlblauen Augen auf. Im Taxi fuhren wir zu einem Restaurant, in dem außer uns nur Vietnamesen aßen. Es gefiel mir sehr. Liebevoll beriet er mich bei der Auswahl der Speisen und bestellte dann auf Vietnamesisch ein durchdachtes Menü. Die Speisen trafen der Reihe nach ein und wurden auf unserem Tisch platziert. Alles bot einen höchst appetitlichen Anblick und roch wundervoll. Er erläuterte mir die verschiedenen Fischarten, fragte nach meinen Wünschen und bediente mich. So liebevoll hatte mich schon lange niemand mehr umsorgt, zumeist ließ ich es mir auch nicht gefallen. Endlich fanden wir Zeit, uns vorzustellen.

Er hieß Leon Sumer, lebte in London und arbeitete früher für einen bekannten französischen Ölkonzern vor Ort, in Südostasien und Westafrika. Dort gab es einen Haufen grober Jobs zu erledigen. Ich schluckte. Nun schrieb er an einem Roman über den Opiumkrieg. Um Details zu recherchieren, reiste er von Thailand nach Vietnam, dann nach Kambodscha, Laos, Burma und China. Nach seinem Visum musste er morgen früh Vietnam verlassen und in Kambodscha einreisen. Dann kam die Reihe an mich. Ich erzählte von meinem akademischen Leben in Heidelberg, aber warum ich mich in Saigon aufhielt, offenbarte ich nicht.

Nach dem Essen gingen wir zum Hafen. Plötzlich schrien Vietnamesen hinter uns her. Wir waren eng aneinander gerückt. Vom breiten Stamm eines Ahornbaums verdeckt, küssten wir uns und ließen uns nicht mehr los. Eine tiefe Zuneigung zueinander erfasste uns. So schüchtern und zärtlich berührten wir uns, dass unser Bedürfnis nach der Nähe des Anderen noch mehr wuchs. Stundenlang liefen wir durch die warme Sommernacht. Die Vietnamesen schauten uns böse an, solche Szenen mochten sie nicht, vielleicht war solch ein Verhalten sogar verboten. Aber von einem Augenblick zum anderen waren wir dieser Welt um uns herum enthoben.

»Aus einem Leben in ein andres Leben / In gleicher Höhe und mit gleicher Eile«, so wie Bertolt Brecht in seinem Gedicht »Die Liebenden« den Flug der Kraniche als eine solche Metamorphose beschrieb, verwandelten wir uns in Bewohner einer Sphäre, die nur für uns existierte. »Dass also keines länger hier verweile / Und keines andres sehe als das Wiegen / Des andern in dem Wind, den beide spüren / Die jetzt im Fluge beieinander liegen / So mag der Wind sie in das Nichts entführen. / Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben.«

Irgendwann lange nach Mitternacht erreichten wir schließlich mein Hotel. Vor dem Eingang trennten wir uns, um nicht gemeinsam einzutreten und dann möglicherweise an der Rezeption Ärger zu bekommen. Nur wenige Minuten der Trennung, aber die taten schon weh. Ich wartete in meinem Zimmer, dann kam er. Wir gingen sehr liebevoll und vorsichtig miteinander um. Jede Berührung erschien unendlich kostbar, wie zu Beginn einer ganz großen und ernsthaften Liebe. Die Art und Weise unserer Annäherung hatte, unabhängig von Sexualität und Erotik, ein Zusammengehörigkeitsgefühl in uns entfacht, und die intimen Zärtlichkeiten brachten dieses Gefühl zum Ausdruck. Wir flüsterten miteinander. Draußen wurde es hell. Leon musste bald das Hotel verlassen. Es erinnerte mich an den wunderbaren dramatischen Film »Stazione Termini« von Vittorio de Sica, in dem sich ein Mann und eine Frau auf dem Bahnhof begegnen, lieben und danach für immer trennen. »Shall I stay?« »No, no.« »I could get my visa extended!« »No, no …« »I don’t want to go.« »I don’t want you to go, but you have to go.«

»Everything can wait. I met you and I want to stay with you.« »You touched me so deeply.« »I will stay.« »Please, don’t stay.« »You don’t want me to stay with you?« »No, no … things are different.« Auch Liebende haben Geheimnisse voreinander. Manchmal ertragen sie eher ein schreckliches Missverständnis, welches sie auseinander bringt, als dass sie ihr Schweigen aufgeben. Er sah mich einen Augenblick lang unendlich traurig an, dann lächelte er liebevoll. Unsere Zuneigung für einander war zu stark, um aneinander zu zweifeln und zu verzweifeln oder den Anderen zu bedrängen. »Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem. / Und wann werden sie sich trennen? Bald. / So ist die Liebe den Liebenden ein Halt.«

aus: Christiane Bender, Podium und Pampers; Heidelberg, 2010, S. 138ff.